Arbeiten bis 70? Das sind die Pläne der Politik
Die Rentenkommission schlägt vor, das Renteneintrittsalter nach Jahrgang und Lebenserwartung zu staffeln. Für heute Geborene kann das einen Rentenbeginn mit 70 bedeuten. Dazu kommen das Ende der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren, ein kapitalgedeckter Anteil nach schwedischem Vorbild, mehr Beitragszahler und die Rückkehr des Nachhaltigkeitsfaktors. Für Beitragszahler heißt das mehr einzahlen, länger arbeiten und geringere Rentensteigerungen. Wer früh gegensteuert, fängt das ab. Eine heute 30-jährige Person kauft sich den Ruhestand mit 63 für 140 bis 180 € im Monat zurück.
Das Wichtigste in Kürze
- Das Renteneintrittsalter soll nach Jahrgang und Lebenserwartung gestaffelt steigen. Heute 30-Jährige müssen nach den Plänen voraussichtlich bis 68,5 arbeiten, heute Geborene bis 70.
- Die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren soll ersatzlos wegfallen. Jüngere fangen das mit etwas mehr Sparrate ab, wer kurz vor der Rente steht, hat nur die Wahl zwischen Abschlag und Weiterarbeiten.
- Erstmals soll ein Teil der Beiträge am Kapitalmarkt angelegt werden statt direkt durchgereicht, nach schwedischem Vorbild. Der Preis sind höhere Abgaben.
- Mehr Beitragszahler und der Nachhaltigkeitsfaktor verteilen die Last breiter, lösen das demografische Problem aber nicht.
- Wer früh anfängt, selbst vorzusorgen, ist der Reform nicht ausgeliefert. Der vorgezogene Ruhestand bleibt bezahlbar, wenn das Geld vernünftig angelegt wird.
Wenn du heute 30 bist, gehst du nach den aktuellen Plänen voraussichtlich nicht mit 67 in Rente, sondern mit 68,5. Bist du 20, eher mit 69. Wer heute geboren wird, mit 70. Das ist keine Stammtischprognose, sondern die Hochrechnung aus dem frischen Bericht der Rentenkommission. Festgeschrieben ist noch kein Alter. Die Kommission will den Rentenbeginn an die Lebenserwartung koppeln, und die Zahlen zeigen, wohin das voraussichtlich führt.
Hier sind die fünf Maßnahmen und was jede für dich bedeutet. Dazu die Rechnung, wie sich eine heute 30-jährige Person den vorgezogenen Ruhestand trotzdem zurückholt, für weniger im Monat, als viele für ihr Auto ausgeben.
Warum die Rente eine Reform braucht
Die gesetzliche Rente funktioniert nach einem simplen Prinzip. Was heute an Beiträgen hereinkommt, wird direkt an die heutigen Rentner weitergereicht. Angespart wird nichts. Nur reichen diese Beiträge längst nicht mehr. Der Staat schießt jedes Jahr über 130 Milliarden Euro aus Steuergeldern zu, damit die Renten überhaupt gezahlt werden können, fast ein Drittel aller Steuereinnahmen des Landes.
Der Grund ist die Demografie. Wir werden älter und beziehen länger Rente, gleichzeitig kommen weniger junge Beitragszahler nach. Diese Schere geht seit Jahren auseinander.
Warum erst jetzt etwas passiert
Jede Lösung tut jemandem weh. Kürzt man die Renten, trifft es die heutigen Rentner. Lässt man die Menschen länger arbeiten und erhöht die Beiträge, trifft es alle, die heute im Berufsleben stehen. Eine dritte Tür gibt es nicht.
Deshalb hat die Politik das Thema jahrelang vor sich hergeschoben. Schlechte Nachrichten verkündet niemand gern, schon gar nicht vor einer Wahl. Jetzt geht das nicht mehr, denn die Babyboomer, die geburtenstärksten Jahrgänge, wechseln in den nächsten Jahren von der Seite der Einzahler auf die Seite der Empfänger. Aus dem schwelenden Problem wird ein akutes. Dafür wurde die Rentenkommission eingesetzt, ihre Vorschläge liegen jetzt auf dem Tisch.
Maßnahme 1: Der Rentenbeginn wird an die Lebenserwartung gekoppelt
Die Maßnahme, die am meisten wehtut. Das Renteneintrittsalter soll nicht mehr fest im Gesetz stehen, sondern mit der Lebenserwartung steigen. Leben wir länger, arbeiten wir länger. Ein konkretes Alter legt die Kommission nicht fest, sie rechnet nur vor, wohin die Kopplung nach heutiger Erwartung führt. Je jünger du bist, desto später beginnt deine Rente voraussichtlich.
Voraussichtlicher Rentenbeginn nach heutigem Alter
- 52 Jahre 67,5
- 42 Jahre 68
- 32 Jahre 68,5
- 22 Jahre 69
- 12 Jahre 69,5
- Neugeboren 70
Es gibt aber eine gute Nachricht. Wer früh anfängt, selbst etwas beiseitezulegen, kauft sich den vorgezogenen Ruhestand einfach zurück. Der Preis ist niedriger, als die meisten vermuten.
Rechenbeispiel: Mit 63 statt 68,5 aufhören
Nehmen wir eine Person, die heute 30 ist. Nach der Hochrechnung arbeitet sie voraussichtlich bis 68,5. Sie möchte aber mit 63 aufhören und in den fünfeinhalb Jahren bis zur regulären Rente monatlich 2.000 € nach heutiger Kaufkraft zur Verfügung haben. Was muss sie dafür zur Seite legen?
Heute 30, Ruhestand mit 63 statt 68,5
- 30 bis 63, ansparen. 140 bis 180 € im Monat, zusätzlich zur regulären Altersvorsorge.
- 63 bis 68,5, die Lücke. Fünfeinhalb Jahre lang 2.000 € im Monat nach heutiger Kaufkraft, aus dem Angesparten.
Das ist weniger, als viele für Auto, Streamingdienste oder Restaurantbesuche ausgeben. Voraussetzung ist, dass das Geld nicht auf dem Tagesgeldkonto liegt, dort frisst die Inflation den Effekt auf. Es gehört in eine Anlage, die zu einem Ziel in über 30 Jahren passt.
WeiterlesenSo berechnest du deine Sparrate richtigDieselbe Rechnung für dein Ziel und dein Alter.Kompliziert ist die Lösung also nicht. Eigentlich. Denn sobald es konkret wird, tun sich mehrere Fragen auf: Welcher Anlage vertraue ich, wie setze ich das auf, was passt zu mir? Dann wird aus „eigentlich einfach“ schnell „eigentlich keine Lust“. Genau dafür gibt es das Erstgespräch.
Maßnahme 2: Das Ende der abschlagsfreien Rente nach 45 Jahren
Wer 45 Jahre in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt hat, darf bisher zwei Jahre früher in Rente gehen, ohne Abschlag. Ein echtes Privileg für langjährige Beitragszahler, und genau das soll ersatzlos gestrichen werden. Die Kommission will so dem Fachkräftemangel vorbeugen und die Rentenkasse entlasten.
Was das für dich heißt, hängt an deinem Alter. Bist du jünger, ist es ärgerlich, aber kein Weltuntergang. Ein paar Euro mehr Sparrate im Monat fangen den Wegfall ab.
Deutlich härter trifft es die, die kurz vor dem Ruhestand stehen und fest mit 65 geplant haben. Ihnen bleiben zwei Optionen, Abschläge in Kauf nehmen oder bis 67 weiterarbeiten.
Zwei Lichtblicke bleiben. Ab wann die Reform greift, ist offen. Mit etwas Glück bleiben einige Jahrgänge verschont. Und Härtefälle sollen weiterhin früher gehen dürfen, etwa wer aus gesundheitlichen Gründen nicht länger arbeiten kann.
Maßnahme 3: Die kapitalgedeckte Zusatzrente
Die Maßnahme, die mich persönlich am meisten freut und die längst überfällig war.
Bisher geht alles, was reinkommt, sofort wieder raus. Linke Tasche, rechte Tasche. Nichts wird angespart, nichts investiert, nichts vermehrt. Genau das soll sich ändern.
Künftig sollen 2 % mehr in die Rente fließen, hälftig getragen von Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Der entscheidende Unterschied ist, dass diese 2 % nicht durchgereicht werden, sondern an den Aktienmärkten landen. Vorbild ist Schweden, wo das Modell seit vielen Jahren erfolgreich läuft.
Wohin dein Rentenbeitrag künftig fließt
Beitragszahler
Der Großteil, sofort weitergereicht
Heutige Rentner
+2 %, hälftig Arbeitgeber und Arbeitnehmer
wächst über Jahrzehnte, dann ausgezahlt
Rentner von morgen
Der Staat nutzt damit denselben Effekt wie du mit deinem ETF-Sparplan. Wer einmal gesehen hat, wie viel der Zinseszins über Jahrzehnte ausmacht, weiß, was für ein Hebel das ist.
Der Wermutstropfen sind die höheren Abgaben, an denen auch hier kein Weg vorbeiführt. Immerhin passiert mit dem Geld endlich etwas Sinnvolles.
Maßnahme 4: Mehr Beitragszahler
Künftig sollen nicht nur Angestellte einzahlen, sondern auch Selbstständige, Minijobber, Politiker und irgendwann auch Beamte. Bist du normal angestellt, ändert sich für dich nichts, du zahlst ja schon ein.
Hier bin ich zwiegespalten. Mehr Einzahler heißt kurzfristig mehr Geld in der Kasse. Nur baut jeder neue Einzahler auch einen eigenen Rentenanspruch auf, was heute reinkommt, muss morgen wieder raus. Im besten Fall schiebt man so das Problem ein paar Jahre nach hinten.
Sorgen machen mir die Existenzgründer. Wer gerade gegründet hat, hat in den ersten Jahren kein Geld für zusätzliche Rentenbeiträge übrig. Wird das auf Biegen und Brechen durchgesetzt, hemmt es die Innovation in Deutschland spürbar. Eine konkrete Gesetzesvorlage gibt es noch nicht, deshalb bin ich vorsichtig optimistisch, dass eine Schonfrist kommt und die Pflicht erst ab einem bestimmten Umsatz oder nach einigen Jahren Selbstständigkeit greift.
Maßnahme 5: Der Nachhaltigkeitsfaktor kommt zurück
Die letzte Maßnahme ist technischer, für dich als Beitragszahler aber eine faire Sache. Die bisherigen Punkte belasten vor allem eine Gruppe, nämlich die, die heute arbeiten und einzahlen. Damit das nicht überhandnimmt, soll der Nachhaltigkeitsfaktor wieder greifen.
Er koppelt künftige Rentenerhöhungen an das Verhältnis von Beitragszahlern zu Rentenbeziehern. Kommen auf weniger Einzahler mehr Rentner, fallen die Erhöhungen geringer aus. So verteilt sich die Last über die Generationen, statt einseitig auf den Jüngeren zu landen.
Fazit und meine Meinung
Endlich gibt es greifbare Reformen und nicht nur Kosmetik. Jubeln wird trotzdem niemand, am Ende zahlen wir alle mehr, länger, und bekommen geringere Rentenerhöhungen.
Wer frühzeitig weiß, wie groß seine Rentenlücke tatsächlich ist, und konsequent dagegen anspart, fängt die Nachteile dieses Pakets mit kleinem Aufwand ab. Du bist den Entscheidungen nicht ausgeliefert, du hast einen Hebel in der Hand. Du musst ihn nur nutzen, und zwar früh.
Ich persönlich bin überzeugt, dass der einzig zielführende Weg ist, das Paket konsequent und vollständig umzusetzen. Wer an einzelnen Bausteinen herumdoktert und die kontroversesten Punkte herausnimmt, bekommt ein halbgares Ergebnis und vermutlich eine noch größere Kluft zwischen den Generationen. Zahlen müssen alle, auf die eine oder andere Weise. Nur so bleibt die Balance.
Gleichzeitig zeigt die Geschichte, wie viel Aussagen aus der Politik wert sind. Jahrelang hieß es, ein höheres Renteneintrittsalter werde es mit der Regierung niemals geben, obwohl seit über zehn Jahren bekannt ist, dass tiefgreifende Reformen unvermeidlich sind. Deshalb bleibe ich vorsichtig, was am Ende wirklich kommt und was stillschweigend in der Schublade verschwindet. Ankündigungen hin oder her.
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