Geldanlage

Was kostet dich Warten beim Investieren wirklich?

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Kurz gesagt

Der Zinseszinseffekt belohnt nicht den, der am meisten einzahlt, sondern den, der am frühesten anfängt. In den ersten Jahren merkst du davon fast nichts, über Jahrzehnte wird er zur stärksten Kraft in deinem Depot. Wer spät startet, muss das mit einer deutlich höheren Sparrate ausgleichen, im schlimmsten Fall mit einem Vielfachen. Für 500.000 € mit 67 reichen bei 7 % Rendite mit 25 rund 174 € im Monat, mit 50 sind es rund 1.302 €. Zeit ist beim Investieren der Hebel, den du am wenigsten ersetzen kannst.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Zinseszinseffekt wirkt erst spät. In den ersten Jahren besteht dein Vermögen fast nur aus deinem Eigeneinsatz, und genau in dieser Phase geben die meisten auf.
  • Über Jahrzehnte kippt das Verhältnis. Am Ende stammt der größte Teil deines Vermögens aus dem Ertrag, nicht aus deiner Einzahlung.
  • Zeit schlägt Betrag. 50 € im Monat, nur bis zum 18. Geburtstag eingezahlt und danach liegen gelassen, werden bis 67 zu rund 583.000 €.
  • Wer spät anfängt, muss das über die Sparrate ausgleichen, im schlimmsten Fall mit einigen hundert Euro mehr pro Monat. Und ohne Rendite sparst du das ganze Ziel allein aus eigener Kraft an.
  • Schon sechs Monate Aufschub heben die nötige Rate spürbar an, und zwar über die gesamte Restlaufzeit. Bei einigen Jahren geht es um zigtausende Euro.

Du weißt, dass du anlegen solltest. Nur der Start rutscht immer weiter nach hinten. Erst der Jobwechsel, dann der Umzug, dann noch das Jahresende abwarten. Irgendwann sind aus „nächsten Monat“ zwei Jahre geworden.

Das kostet dich Geld, und zwar deutlich mehr, als die meisten vermuten. Verantwortlich ist der so genannte Zinseszinseffekt. Wir rechnen ihn an zwei Beispielen durch, und am Ende steht eine Tabelle, die dir für dein Sparziel zeigt, was dich jeder Monat Aufschub kostet.

Alle Zahlen in diesem Artikel sind Beispielrechnungen, keine Zusage. Die Renditeannahmen von 0 %, 2 % und 7 % stützen sich auf historische Werte und auf das Zinsniveau zum Zeitpunkt dieses Artikels. Gerechnet wird durchgehend mit monatlicher Sparrate und Zinsgutschrift, so wie es die gängigen Sparrechner tun.

Was der Zinseszinseffekt eigentlich ist

Du legst Geld an und bekommst darauf eine Rendite. Im Jahr darauf bekommst du Rendite nicht nur auf dein eingezahltes Geld, sondern auch auf die Rendite aus dem Vorjahr. Dein Ertrag arbeitet also selbst mit, und dessen Ertrag im Jahr darauf wieder. Die Basis wächst Jahr für Jahr ein Stück schneller, wie eine Lawine, die mit ein paar Schneeflocken beginnt.

Genau deshalb unterschätzen so viele diesen Effekt. Am Anfang passiert gefühlt nichts, die ersten Jahre wirken sogar enttäuschend. Dazu kommt, dass unser Gehirn lineares Wachstum versteht und exponentielles nicht. Jeden Monat 5 € mehr kann sich jeder vorstellen. Jeden Monat 5 % mehr über 30 Jahre nicht.

200 Euro im Monat, 50 Jahre lang

Nehmen wir an, du legst 200 € im Monat an, 50 Jahre lang, bei 7 % Rendite pro Jahr. Woher die 7 % kommen, klären wir weiter unten. Dein Vermögen besteht in jedem Jahr aus zwei Bausteinen, deiner Einzahlung und dem angesammelten Ertrag. Interessant ist, wie sich das Verhältnis zwischen beiden verschiebt.

Hochrechnung für 200 Euro monatlich über 50 Jahre Zehn Säulen für eine Anlagedauer von 5 bis 50 Jahren, jede geteilt in Einzahlung und Ertrag. Nach 5 Jahren stehen rund 14.000 Euro da, davon 12.000 Euro eingezahlt. Nach 20 Jahren sind es rund 102.000 Euro, und der Ertrag ist erstmals größer als die Einzahlung. Nach 50 Jahren sind es rund eine Million Euro, davon 120.000 Euro eingezahlt. 1.000.000 € 750.000 € 500.000 € 250.000 € 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 Anlagedauer in Jahren  deine Einzahlung     Ertrag
200 € im Monat bei 7 % Rendite pro Jahr.

In den ersten Jahren ist fast alles Eigeneinsatz, der Ertrag ist winzig. Das ist die Phase, in der die meisten ungeduldig werden. Dann kippt das Bild. Nach rund 18 bis 19 Jahren stammt die Hälfte des Vermögens aus dem Ertrag, nach 50 Jahren sind es fast 90 %. Dein eigenes Geld macht am Ende nur noch gut ein Zehntel aus.

Selbst wenn bei dir keine 50 Jahre zusammenkommen, sondern 20 oder 30, bleibt dieser Rückenwind erheblich.

Der Extremfall: 50 Euro ab dem ersten Lebensmonat

Schauen wir uns mal den Extremfall an. Für ein Neugeborenes werden ab dem ersten Lebensmonat 50 € monatlich angelegt, durchgehend bis 67, wieder mit 7 %. Das Ergebnis sind rund 820.000 €, bei rund 40.000 € eigenem Einsatz. Mit 8 %, historisch ebenfalls realistisch, wären es sogar rund 1,35 Millionen € Endergebnis.

Eine Sache gilt es natürlich noch zu berücksichtigen. In 67 Jahren kaufst du für 820.000 € nicht mehr das, was heute möglich wäre. Nach Inflation entspricht die Summe einer heutigen Kaufkraft von rund 220.000 €. Im Verhältnis zur Einzahlung ist aber auch das noch immer überragend.

Noch deutlicher wird es mit dem folgenden Beispiel. Wir ändern eine einzige Sache. Eingezahlt wird nur von der Geburt bis zum 18. Geburtstag, insgesamt 10.800 €. Danach kommt kein Euro mehr dazu, das Geld bleibt einfach liegen. Mit 67 stehen trotzdem rund 583.000 € da.

50 € im Monat, Ergebnis mit 67

  • Eingezahlt bis 67 rund 820.000 € 67 Jahre lang eingezahlt, rund 40.000 €
  • Eingezahlt nur bis 18 rund 583.000 € 18 Jahre lang eingezahlt, 10.800 €
Der dunkle Anfang jedes Balkens ist die Einzahlung, alles Übrige ist Ertrag. Beide Balken stehen auf derselben Skala.

Die Einzahlung macht an diesem Ergebnis nur einen Bruchteil aus. Den Rest hat allein die Zeit in Kombination mit einer durchschnittlichen ETF-Rendite erledigt. Fast 50 Jahre, in denen der Zinseszins ungestört arbeiten durfte.

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Woher die Renditeannahmen kommen

Drei Renditewelten tauchen in diesem Artikel auf.

0 % ist Geld unter dem Kopfkissen. Es vermehrt sich nicht, nach Inflation verliert es sogar an Wert.

2 % bekommst du in etwa auf einem guten Tagesgeldkonto. Sicher, jederzeit verfügbar, in der Höhe aber bescheiden.

7 bis 8 % ist die langfristige, historische Durchschnittsrendite eines breit gestreuten Aktien-ETFs. Eine Garantie für die Zukunft ist das nicht, aber eine belastbare Größe zum Planen.

WeiterlesenWorauf es beim ETF-Kauf ankommtWelcher ETF diese Rendite liefern soll, ist eine eigene Frage.

Deine Rechnung: 500.000 Euro mit 67

Den Extremfall von eben kannst du höchstens noch für deine Kinder nutzen. Also drehen wir die Frage um. Sagen wir, du willst mit 67 ein Vermögen von 500.000 € haben. Das klingt hochgegriffen, aber selbst viele Durchschnittsverdiener landen ungefähr in dieser Größenordnung, wenn sie ihre Rentenlücke einmal in drei Schritten berechnen. Die Frage ist also nicht, ob der Betrag zu hoch ist, sondern was du dafür Monat für Monat zur Seite legen musst.

Die Tabelle zeigt es dir für fünf Startalter und alle drei Renditewelten.

Nötige Sparrate für 500.000 € mit 67

Rendite pro Jahr
Start mit 0 % 2 % 7 %
25 992 € 636 € 174 €
30 1.126 € 763 € 250 €
30,5 1.142 € 778 € 260 €
35 1.302 € 932 € 364 €
40 1.543 € 1.166 € 539 €
50 2.451 € 2.060 € 1.302 €

Bei 0 % arbeitet dein Geld nicht für dich, du musst die vollen 500.000 € allein ansparen. Wer erst mit 50 anfängt, braucht dafür eine Rate, die für die allermeisten nicht zu stemmen ist. Schon die 2 % vom Tagesgeld senken die nötige Rate in jedem Startalter um mehrere hundert Euro im Monat.

Bei 7 % reichen mit 25 rund 174 € im Monat für dieselben 500.000 €. Das ist weniger als ein Fünftel dessen, was ohne Rendite nötig wäre. Wer erst mit 50 startet, zahlt auch bei 7 % noch gut das Siebenfache davon. Es hebelt also nicht nur die Zeit, sondern genauso, wie du dein Geld arbeiten lässt.

Was ein halbes Jahr kostet

Jetzt der Punkt, um den sich dieser Artikel dreht. Vergleiche die Zeilen 30 und 30,5. Nur ein halbes Jahr Aufschub, und die nötige Rate steigt bei 7 % um rund 10 € im Monat, bei 2 % um rund 15 €. Über die gesamte Restlaufzeit.

Oder andersherum. Du bleibst bei deinen 250 € im Monat und startest ein halbes Jahr später. Dann fehlen dir mit 67 mehrere tausend Euro, für dieselbe Rate, nur mit einem halben Jahr weniger Anlagehorizont.

Wenn dir die Tabelle gerade zeigt, dass du längst hättest anfangen sollen, weißt du, wo der Link fürs Erstgespräch steht. Und falls du mir nicht glaubst, spiel die Szenarien auf zinsen-berechnen.de mit deinen eigenen Zahlen durch.

WeiterlesenSo berechnest du deine Sparrate richtigDer Weg von einem konkreten Ziel zur monatlichen Rate.

Wenn du noch einen Hebel dazunimmst

Die Tabelle rechnet mit maximal 7 % pro Jahr - der soliden, breit gestreuten Aktienrendite. Für die meisten ist das die richtige Messlatte, die Obergrenze des Möglichen ist es nicht. Nimmst du neben ETFs auch Kapitalanlageimmobilien dazu, bei denen durch den Einsatz von Darlehen deutlich mehr Rendite auf dein eingesetztes Eigenkapital möglich ist, mitunter 10, 15 % oder mehr, verschiebt sich die ganze Rechnung noch einmal zu deinen Gunsten. Die Tabelle ist also die konservative Untergrenze, nicht die Obergrenze.

Fazit

Zeit in Kombination mit einer gescheiten Rendite ist beim Investieren dein stärkster Hebel. Der Zinseszinseffekt belohnt nicht den, der am meisten einzahlt, sondern den, der am frühesten anfängt und am längsten dranbleibt. Deshalb kostet dich jeder Monat Zögern bares Geld. Selbst ein halbes Jahr ist messbar, ein paar Jahre entscheiden über zigtausende Euro.

Mein Rat ist deshalb einfach: Warte nicht auf den perfekten Moment und nicht auf den perfekten Betrag. Fang mit dem an, was gerade geht, selbst wenn es erst einmal nur 50 € im Monat sind.

Klingt abgedroschen, stimmt aber trotzdem. Der beste Zeitpunkt zum Investieren war gestern. Der zweitbeste ist heute.

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Häufige Fragen

Du legst Geld an und bekommst darauf eine Rendite. Im Jahr darauf bekommst du deine Rendite nicht nur auf das eingezahlte Geld, sondern auch auf die Rendite aus dem Vorjahr. Dein Ertrag fängt also selbst an zu arbeiten, und dessen Ertrag arbeitet im nächsten Jahr wieder mit. Dadurch wächst die Basis Jahr für Jahr ein Stück schneller. Am Anfang ist der Effekt kaum sichtbar, über Jahrzehnte wird er zur mit Abstand stärksten Kraft bei der Geldanlage.
Das hängt vor allem an deinem Alter und an der Rendite. Bei 7 % pro Jahr, also der langfristigen Größenordnung eines breit gestreuten Aktien-ETFs, sind es mit 25 rund 174 € im Monat, mit 30 rund 250 €, mit 40 rund 539 € und mit 50 rund 1.302 €. Ohne jede Rendite müsstest du dieselben 500.000 € komplett selbst ansparen, mit 25 also rund 992 € im Monat und mit 50 rund 2.451 €.
Ja, nur wird die nötige Rate deutlich höher. Für 500.000 € bis 67 brauchst du bei 7 % mit 40 rund 539 € im Monat, mit 50 rund 1.302 €. Der Zinseszinseffekt arbeitet auch über 17 Jahre noch für dich, er hat nur weniger Zeit. Wichtiger als der Start ist dann die Frage, ob dein Ziel und deine Rate realistisch zusammenpassen. Genau das rechnest du am besten einmal sauber durch, statt es zu schätzen.
In unserem Beispiel steigt die nötige Sparrate für 500.000 € mit 67 zwischen dem 30. und dem 30,5. Lebensjahr von rund 250 auf rund 260 € im Monat, bei 2 % Rendite von rund 763 auf rund 778 €. Das sind 10 bis 15 € mehr, und die zahlst du über die gesamte Restlaufzeit. Bleibst du stattdessen bei deiner ursprünglichen Rate, fehlen am Ende mehrere tausend Euro. Bei einigen Jahren Aufschub geht es entsprechend um zigtausende Euro.
Als Orientierung dienen drei Welten. 0 % ist Geld unter dem Kopfkissen, das nach Inflation sogar an Wert verliert. Rund 2 % bekommst du auf einem guten Tagesgeldkonto, sicher und jederzeit verfügbar, aber bescheiden. 7 bis 8 % ist die langfristige Durchschnittsrendite eines breit gestreuten Aktien-ETFs, gemessen an der Vergangenheit der großen Aktienmärkte. Eine Garantie für die Zukunft ist das nicht, aber eine belastbare Größe, mit der sich planen lässt.
Über kurze Zeiträume wenig, über sehr lange Zeiträume erstaunlich viel. Werden ab dem ersten Lebensmonat eines Kindes 50 € monatlich mit 7 % angelegt und bis 67 durchgehalten, stehen am Ende rund 820.000 €. Eingezahlt wurden davon rund 40.000 €. Wird nur bis zum 18. Geburtstag eingezahlt, also 10.800 €, und das Geld danach einfach liegen gelassen, sind es immer noch rund 583.000 €. Der Unterschied macht sichtbar, wie viel Arbeit die Zeit übernimmt.
Weil unser Gehirn lineares Wachstum versteht und exponentielles nicht. Jeden Monat 5 € mehr kann sich jeder vorstellen, jeden Monat 5 % mehr über dreißig Jahre nicht. Dazu kommt, dass der Effekt spät einsetzt. In den ersten Jahren besteht das Vermögen fast nur aus dem Eigeneinsatz, der Zinsanteil ist winzig, und genau dann fühlt es sich an, als lohne sich das Ganze nicht.
Alexander Molkenthin, Finanzberater bei Investiquo
Geschrieben von
Alexander Molkenthin

Gründer von Investiquo und unabhängiger Finanzberater. Er hilft beruflich etablierten Menschen, ihre Finanzen zu ordnen und einen klaren Plan für ihre Ziele zu bekommen. Einfach und nachvollziehbar.

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