Ein Jahr Elternzeit kostet 71.000 €? Die Rechnung dahinter
Ein Jahr Elternzeit kostet mehr als das fehlende Gehalt. Erstens die Gehaltslücke: Das Basiselterngeld ersetzt 65 % vom Netto, ist aber gedeckelt. Bei 60.000 € brutto fehlen so rund 16.000 € im Jahr. Zweitens die private Vorsorge: Pausierst du mit 30 einen Sparplan von 500 € für zwölf Monate, fehlen dir mit 67 rund 71.000 €, weil der Zinseszins der nächsten 36 Jahre ausfällt. Drittens die gesetzliche Rente als kleinster Posten. Die Kindererziehungszeit schreibt dir drei Jahre lang je einen vollen Entgeltpunkt gut, allerdings nur auf Antrag. Die Lücke schließt du mit Rücklagen auf dem Tagesgeld und einer leicht höheren Sparrate ab dem ersten Monat nach der Elternzeit.
Das Wichtigste in Kürze
- Das Basiselterngeld ersetzt 65 % vom Netto, aber höchstens 1.800 € im Monat. Je höher dein Gehalt, desto größer die Lücke. Ab 175.000 € zu versteuerndem Einkommen als Paar gibt es gar nichts.
- Wird der Sparplan ein Jahr pausiert, fehlt der Zinseszins bis zur Rente. In unserem Beispiel mit 60.000 € Jahreseinkommen sind das rund 71.000 €, umgerechnet etwa 237 € Monatsrente.
- Die gesetzliche Rente ist der kleinste Posten. Die Kindererziehungszeit bringt drei Jahre lang je einen vollen Entgeltpunkt, aber nur auf Antrag (Formular V0800).
- Die Gehaltslücke deckst du mit Rücklagen auf dem Tagesgeld, nicht aus dem Depot.
- Die Sparplan-Lücke holst du mit einer leicht höheren Rate ab dem ersten Monat nach der Elternzeit wieder rein. Im Beispiel 538 statt 500 € im Monat.
- Die Regierung plant, das Basiselterngeld bzw. die Bezugszeit ab November 2027 zu kürzen. Beschlossen ist das noch nicht.
Wenn du gerade deine Elternzeit planst, hast du das Elterngeld wahrscheinlich schon ausgerechnet. Rund zwei Drittel vom Netto, das ist überschaubar. Die teurere Zahl steht aber in keinem Elterngeldrechner: Bis zum Ruhestand kann dich ein Jahr Elternzeit rund 71.000 € kosten - je nach Situation auch mehr.
Die Zeit mit deinem Kind ist mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen. Trotzdem solltest du wissen, was sie kostet. Denn genau diese Lücke lässt sich planen und, wenn nötig, ausgleichen. Drei Posten, eine Beispielrechnung und der Weg zurück.
Das Gehalt: der sichtbare Posten
Das Basiselterngeld ersetzt 65 % deines letzten Nettos. Klingt nach einer klaren Regel, hat aber einen Deckel. Mehr als 1.800 € im Monat gibt es nicht und den erreichst du schon ab rund 2.770 € netto. Wer als Paar über 175.000 € zu versteuerndes Einkommen hat, bekommt gar nichts. Das entspricht grob 210.000 € brutto.
Ein Beispiel. Du verdienst 60.000 € brutto im Jahr, Steuerklasse 1. 65 % von deinem Netto lägen über dem Deckel, gezahlt wird der Höchstbetrag. Der Rest fehlt, Monat für Monat.
Je nach Einkommen fällt die Lücke kleiner oder größer aus. Je höher dein Gehalt, desto härter trifft dich der Deckel.
Basiselterngeld gegen bisheriges Netto, pro Monat
- Elterngeld
- Lücke zum Netto
- 65 % vom Netto
- 45.000 € brutto 870 € fehlen Der Deckel greift noch nicht, das Elterngeld sind volle 65 % vom Netto
- 60.000 € brutto, unser Beispiel 1.330 € fehlen Netto 3.130 €, 65 % wären 2.035 €, gezahlt werden 1.800 €
- 90.000 € brutto 2.660 € fehlen Der Deckel bleibt bei 1.800 €, die Lücke wächst mit jedem Euro Gehalt
Ein Blick nach vorn: Die Regierung plant, das Basiselterngeld ab November 2027 auf zwölf Monate für beide Eltern zusammen zu kürzen. Beschlossen ist das noch nicht. Wer in absehbarer Zeit mit Elterngeld plant, sollte es im Blick behalten.
Diese Lücke hast du dir vermutlich längst ausgerechnet. Zwei weitere Posten fallen bei der Planung aber manchmal hinten runter.
Die private Vorsorge: der unsichtbare Posten
Fehlen 16.000 € im Jahr, wird in aller Regel zuerst die eigene Sparrate gekürzt. Der Effekt zeigt sich nicht sofort, sondern erst in einigen Jahrzehnten.
Nehmen wir deinen ETF-Sparplan. Von den rund 1.330 €, die dir im Monat fehlen, waren 500 € deine Sparrate. Bist du 30 und pausierst den Sparplan für zwölf Monate, sinkt dein Endergebnis mit 67 um ein Vielfaches der ausgesetzten Raten. Der Grund ist der entgangene Zinseszinseffekt der nächsten 36 Jahre.
500 € im Monat, 7 % pro Jahr, Alter 30 bis 67
- Durchgehend
- Ein Jahr Pause
- Unterschied
- Ein Jahr ohne Rate
- Depotwert mit 67, durchgehend 998.124 €
- Depotwert mit 67, nach einem Jahr Pause 927.008 €
- Ausgesetzte Raten, 12 × 500 € 6.000 €
- Unterschied mit 67 71.116 €
- Weniger Rente im Monat, bei 4 % Entnahme pro Jahr ca. 237 €
Was für den ETF-Sparplan gilt, gilt meist auch für die betriebliche Altersvorsorge und private Rentenversicherungen. Mit jedem Baustein, der in dem Jahr nicht bespart wird, wächst die Lücke.
Die gesetzliche Rente: kleiner als gedacht
Bei der Rente hast du einen Verbündeten, den viele unterschätzen: die Kindererziehungszeit. Für die ersten drei Lebensjahre deines Kindes schreibt dir die Rentenversicherung pro Jahr einen vollen Entgeltpunkt gut. Vorausgesetzt du bist der- oder diejenige, die sich primär um die Kindererziehung kümmert. Sie tut also so, als hättest du in dieser Zeit ein durchschnittliches Gehalt verdient. 2026 bringt dir das pro Jahr Kindererziehung 42,52 € Monatsrente, für alle drei Jahre über 120 €.
Arbeitest du parallel in Teilzeit, kommen deine eigenen Entgeltpunkte obendrauf, bis zur Beitragsbemessungsgrenze von rund 100.000 € brutto im Jahr. Dann kann es sogar sein, dass du in dem Jahr mehr Rentenanspruch aufbaust als in einem regulären Arbeitsjahr.
Für unser Beispiel heißt das: Die Kindererziehungszeit bringt fast so viele Punkte wie das Jahr im Job. Die Differenz ist minimal und selbst die entsteht nur, wenn du gar nicht arbeitest.
Entgeltpunkte in einem Jahr, Beispiel 60.000 € brutto
- Aus eigenem Gehalt
- Kindererziehungszeit
- Obergrenze 1,95 Punkte
- Weiter im Job 1,16 Punkte
- Elternzeit ohne Job 1,00 Punkte
- Elternzeit, nebenbei Teilzeit mit 30.000 € brutto 1,58 Punkte
Wichtig: Die Kindererziehungszeit wird nicht automatisch gutgeschrieben, sondern nur auf Antrag. Das Formular der Deutschen Rentenversicherung heißt V0800. Sauber beantragt, ist der Effekt auf die gesetzliche Rente unterm Strich zu vernachlässigen.
Damit ist die Rechnung komplett: ein sichtbarer Posten, ein unsichtbarer und ein sehr kleiner. Bleibt die Frage, wie du die Lücke wieder reinholst, wenn in der Elternzeit selbst keine Luft dafür ist.
Die Lücke schließen
Die Gehaltslücke
Hier ist der Weg am simpelsten. Leg das Geld vorher zurück, damit es in der Elternzeit auf dem Tagesgeldkonto liegt. Tagesgeld, nicht Depot, denn kurzfristig benötigtes Geld darf auf keinen Fall investiert werden.
Die Sparpläne
Beim Vermögensaufbau für den Ruhestand wird es komplexer. Prüf aber zuerst, ob du das Jahr überhaupt ausgleichen musst. Läuft die Sparrate auch in der Elternzeit weiter, entsteht keine Lücke. Und hast du schon so viele Rentenansprüche, dass du auf die 71.000 € im Alter nicht angewiesen bist, kannst du den Punkt ignorieren.
WeiterlesenRentenlücke berechnen: In 3 Schritten zu deiner persönlichen ZahlAusgaben im Alter, Einnahmen aus allen Quellen, die Sparrate dazwischen. So prüfst du, ob du die 71.000 € später brauchst oder nicht.Nehmen wir an, du brauchst das Geld. Dann reichen zwei Durchgänge im Sparrechner auf zinsen-berechnen.de. Im ersten rechnest du das Endkapital ohne Pause aus: deine Sparrate, der Zinssatz und die Jahre bis zur Rente. Der Zinssatz hängt davon ab, wie dein Geld investiert ist. Bei einem Aktien-ETF waren historisch 6 bis 8 % pro Jahr möglich, ich empfehle die goldene Mitte von 7 %. Im zweiten drehst du die Frage um und lässt den Rechner ausrechnen, wie viel du monatlich sparen musst, um dasselbe Endkapital mit einem Jahr weniger Zeit zu erreichen.
Zwei Durchgänge im Sparrechner
-
1. Endkapital ohne Pause
- Sparrate500 € im Monat
- Zinssatz7 % pro Jahr
- Ansparzeit37 Jahre
-
2. Sparrate für dasselbe Endkapital
- Endkapital998.124 €
- Zinssatz7 % pro Jahr
- Ansparzeit36 Jahre ein Jahr weniger
38 € mehr im Monat, ab dem Jahr nach der Elternzeit, sind für die meisten gut zu stemmen. Man muss es nur wissen. Je nach Alter, Sparrate und Länge der Elternzeit verschiebt sich das Bild, rechne es also für deine Situation durch.
Die gesetzliche Rente
Mit dem Antrag auf Kindererziehungszeit bleibt in unserem Beispiel die minimale Unterdeckung von oben. Rechne sie mit den künftigen Rentenanpassungen hoch, nimm optimistisch einen langen Ruhestand an und trag die Summe als Endkapital in den Sparrechner ein, Zinssatz und Ansparzeit wie oben.
Von 0,16 Punkten zur Sparrate, Beispiel 60.000 € brutto
- Lücke heute, je Monat 6,80 €
- Mit 67, nach 2 % Rentenanpassung pro Jahr über 37 Jahre 14,15 €
- Über 30 Jahre Ruhestand, 12 Monate × 30 Jahre 5.094 €
- Nötige Sparrate im Monat, damit die Summe bis 67 zusammenkommt, 7 % über 36 Jahre 2,75 €
Wirklich gigantisch, oder?
Fazit
Ein Jahr Elternzeit kostet dich nicht nur das fehlende Gehalt, sondern auch den Zinseszins und ein paar Rentenpunkte. Die gesetzliche Rente kannst du fast ignorieren, sofern du die Kindererziehungszeit beantragst. Wichtiger ist der Sparplan. Mit rechtzeitiger Planung steuerst du leicht gegen: Rechne die drei Posten vor der Elternzeit einmal durch und fahr deine Sparpläne ab dem ersten Monat danach wieder hoch. Dann entgeht dir wenig Zeit und die Lücke bleibt klein.
Am Ende hängt alles an deiner Situation. Bist du jünger oder nimmst weniger Elternzeit, hast du das schnell ausgeglichen. Arbeitest du danach langfristig in Teilzeit, etwa in einer Viertagewoche, wird die Lücke größer. Dann musst du sie kompensieren oder im Alter Abstriche machen.
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