Die 5 größten Finanz-Irrtümer meiner Generation
Millennials und Gen Z investieren so viel wie keine Generation vor ihnen. Früher, breiter gestreut und günstiger. Trotzdem halten sich hartnäckig fünf Sätze, die sich vernünftig anfühlen, aber am Ende Geld kosten: „Nächstes Jahr fange ich an“, „Eine Immobilie kann ich mir eh nicht leisten“, „Die Rente ist eh weg“, „Der MSCI World reicht“ und „Über Geld spricht man nicht“. Bei jedem klären wir, warum er sich richtig anfühlt, was dahintersteckt und wie du ihn geradeziehst. Allein ein Jahr Aufschub beim Sparplan kostet im Beispiel rund 36.000 € Endvermögen.
Das Wichtigste in Kürze
- „Nächstes Jahr fange ich an“ ist der teuerste Satz von allen. Ein einziges Jahr Aufschub kostet im Beispiel rund 36.000 €, und wer zehn Jahre wartet, braucht für dasselbe Ziel die doppelte Sparrate.
- Bei der Immobilie ist nicht der Kaufpreis der Engpass, sondern das Eigenkapital. Dafür gibt es sieben Hebel, von der Schenkung der Eltern bis zum Sanierungsobjekt. Aus „geht nicht“ wird meist „geht nicht sofort“.
- Die gesetzliche Rente wird kleiner, aber sie fällt nicht weg. Und selbst wenn: Weniger Rente vom Staat ist das stärkste Argument für private Vorsorge, nicht dagegen.
- Ein MSCI World ist ein guter Start, aber rund 70 % davon stecken in den USA und Schwellenländer fehlen ganz. Ein MSCI ACWI oder eine Kombination mit einem Schwellenländer-ETF streut breiter.
- Über Geld zu sprechen kostet nichts und erspart dir Fehler, die andere schon gemacht haben. Meinungen musst du nicht übernehmen, Möglichkeiten solltest du aber ausloten.
Millennials und Gen Z machen beim Thema Geld vieles richtig. In Deutschland investieren so viele Menschen wie nie und der größte Teil des Zuwachses kommt von den unter 40-Jährigen. Umso stärker fällt auf, was sich trotzdem hält: fünf Überzeugungen, die sich vernünftig anfühlen und trotzdem falsch sind.
In zehn Jahren Finanzbranche haben sich diese fünf Sätze wie ein roter Faden durch meine Beratungsgespräche gezogen, quer durch alle Berufe und Einkommen. Bei jedem klären wir, warum er sich vernünftig anfühlt, was dahintersteckt und wie du ihn geradeziehst. Mindestens einen davon trägst du mit ziemlicher Sicherheit selbst mit dir herum.
Die gute Nachricht zuerst
Als ich in dieser Branche angefangen habe, galt die Aktie vielen noch als Teufelszeug und das Sparbuch als der einzig vernünftige Weg. Das hat sich gedreht. Am deutlichsten sieht man das im Vergleich der Generationen.
Anteil unter allen, die investieren
Haben einen ETF im Depot
Besparen einen Sparplan
Die Jüngeren legen also früher, breiter gestreut und günstiger an als die Generation vor ihnen. Trotzdem halten sich ein paar Mythen. Manche sind uralt. Einer ist erst in den letzten Jahren dazugekommen, ausgerechnet durch die Entwicklung, die ich gerade gelobt habe.
Irrtum 1: „Ich habe noch Zeit. Nächstes Jahr fange ich an.“
Der unangefochtene Spitzenreiter, und er hat keinen einzelnen Auslöser. Frage ich nach, warum es nächstes Jahr besser passt, bekomme ich vier verschiedene Antworten. Und je nach Antwort sieht die Lösung anders aus.
- „Ich weiß, dass ich mich da mal reinsetzen müsste. Aber ich habe einfach keine Lust auf das Thema.“
- „Bei mir ist am Monatsende einfach nichts übrig.“
- „In zwei, drei Jahren bin ich eine Gehaltsstufe weiter. Dann mache ich das richtig, statt jetzt mit 50 € anzufangen.“
- „Ich habe Angst, dass ich etwas falsch mache und mein Geld dann weg ist.“
Wenn die Motivation fehlt
Dagegen hilft nur eines: sichtbar machen, was dich das Warten wirklich kostet. Angenommen du legst 300 € im Monat an, bis 67, bei 6 % Rendite pro Jahr. Die Tabelle zeigt, was ein Jahr Aufschub ausmacht, und was zehn Jahre kosten.
Sparplan bis 67, 6 % Rendite pro Jahr
| Start mit | Rate im Monat | Endvermögen |
|---|---|---|
| 30 | 300 € | 479.000 € |
| 31 | 300 € | 443.000 € |
| 40 | 600 € | 479.000 € |
Ein einziges Jahr Aufschub kostet dich rund 36.000 €. Einen Sparplan aufzusetzen dauert dagegen drei bis vier Stunden: Konto vergleichen, Depot eröffnen, ETF auswählen, Dauerauftrag einrichten. Für welche andere Tätigkeit bekommst du diesen Stundenlohn?
Wenn kein Spielraum da ist
Der ehrlichste Grund von allen, denn wenn wirklich nichts übrig ist, nützt dir keine Renditerechnung. Nur liegt das Problem selten am Einkommen, sondern an der Reihenfolge. Die meisten sparen, was übrig bleibt. Und übrig bleibt fast nie etwas, weil sich die Ausgaben an den Kontostand anpassen.
Zwei Mechanismen helfen dagegen. Der erste heißt Pay yourself first: Du drehst die Reihenfolge um und baust dir eine Kontenstruktur, die von selbst spart. Der Dauerauftrag läuft direkt nach dem Gehaltseingang auf ein getrenntes Konto, nicht am Monatsende. Was sofort weg ist, fehlt dir im Alltag nicht. Klingt simpel, ist aber der wirksamste Hebel, den ich kenne.
Der zweite greift bei der nächsten Gehaltserhöhung: Die Hälfte wandert automatisch in den Sparplan. Bekommst du 300 € netto mehr, steigt die Sparrate um 150 €, und du hast trotzdem 150 € mehr in der Tasche. Es tut an keiner Stelle weh, und deine Sparrate wächst mit dem Einkommen mit.
Wenn du glaubst, es wird später leichter
Hier widerspreche ich am häufigsten, denn der Satz ist zweifach falsch.
Erstens rechnerisch. Wer zehn Jahre später startet und mit 67 trotzdem beim selben Vermögen landen will, braucht die doppelte Sparrate, wie die letzte Zeile der Tabelle oben zeigt. Der Preis fürs Warten ist nicht ein bisschen mehr. Er ist das Doppelte.
Zweitens stimmt die Annahme selbst meistens nicht. Dein Lebensstandard wächst mit deinem Gehalt: die größere Wohnung, das bessere Auto, die Urlaube, bei denen du nicht mehr auf den Preis schaust. In zehn Jahren verdienst du mehr, gibst mehr aus und stehst vor demselben Problem wie heute. Nur mit zehn Jahren weniger auf der Uhr.
Wenn du Angst hast, etwas falsch zu machen
Der sympathischste Grund, weil er zeigt, dass jemand das Thema ernst nimmt. Und die Angst ist berechtigt, ein schlecht gewählter Vertrag kostet dich über die Jahre eine Menge Geld.
Nur ist die richtige Konsequenz daraus nicht, den Kopf in den Sand zu stecken. Nichtstun ist keine sichere Option, es ist nur die unsichtbare Variante des Fehlers. Die richtige Konsequenz ist, sich entweder selbst in das Thema einzuarbeiten oder jemanden dazuzuholen. Wenn genau das der Punkt ist, der dich zurückhält, ist das Erstgespräch dafür da.
Irrtum 2: „Eine Immobilie kann ich mir eh niemals leisten.“
Bei diesem Satz höre ich die meiste Resignation, und ich verstehe sie. Die wenigsten rechnen noch damit, jemals etwas Eigenes zu besitzen, und haken das Thema ab, bevor sie einmal nachgerechnet haben. Ja, die Hürden sind größer geworden. Aber größer heißt nicht unüberwindbar, wenn du dich rechtzeitig vorbereitest.
Der Engpass ist nicht der Kaufpreis als Ganzes, sondern das Eigenkapital zu Beginn: Sicherheiten für die Bank plus Kaufnebenkosten wie Grunderwerbsteuer, Notar, Grundbuch und gegebenenfalls Makler. Zusammen meist 20 bis 30 % des Kaufpreises, bei einer Immobilie für 500.000 € also 100.000 bis 150.000 €.
WeiterlesenHauskauf 2026: Was dich ein Eigenheim wirklich kostetStartkapital, Finanzierung und laufende Kosten an einem Beispielhaus durchgerechnet.Um genau dieses Eigenkapital aufzubauen, hast du sieben Hebel. Nicht jeder passt zu jeder Situation.
Hebel 1: Schenkung oder vorgezogenes Erbe. Der größte Hebel, und der, über den am seltensten gesprochen wird. Jedes Elternteil kann seinem Kind alle zehn Jahre 400.000 € steuerfrei übertragen. Viele Eltern würden helfen, wenn sie wüssten, dass es nicht um Taschengeld geht, sondern um den Betrag zwischen ihrem Kind und der eigenen Wohnung.
Hebel 2: Den Suchradius öffnen. Zwanzig Minuten weiter draußen verändern den Kaufpreis oft stärker, als du in fünf Jahren zusammensparst. Unbequem, aber der schnellste Weg von „unmöglich“ zu „machbar“.
Hebel 3: Gemeinsam kaufen. Zwei Einkommen und zwei Eigenkapitalstöcke verschieben die ganze Rechnung. Wichtig ist allerdings, vorher genau vertraglich zu regeln, was passiert, wenn es nicht klappt.
Hebel 4: Das Eigenkapital investiert ansparen statt auf dem Tagesgeld. Gleicher Betrag, gleicher Zeitraum, fast 7.000 € Unterschied. Je näher der Kauf rückt, desto weniger Risiko darf allerdings in diesem Topf stecken.
500 € im Monat, sieben Jahre lang
- Tagesgeld, 1 % Zinsen rund 43.500 € davon Ertrag rund 1.500 €
- Investiert, 5 % Rendite rund 50.200 € davon Ertrag rund 8.200 €
Hebel 5: Erst vermietet kaufen, später selbst einziehen. Du kaufst zuerst eine vermietete Immobilie als Kapitalanlage, dort, wo die Rechnung aufgeht, nicht dort, wo du wohnen möchtest. Der Mieter trägt einen Teil der Rate mit, du baust Vermögen auf, und die eigenen vier Wände kommen später.
Hebel 6: Die Kaufnebenkosten drücken. Die Grunderwerbsteuer unterscheidet sich je nach Bundesland erheblich, bei provisionsfreien Objekten fällt der Maklerlohn ganz weg.
Hebel 7: Ein Sanierungsobjekt mit Eigenleistung. Günstiger Einstieg plus Förderprogramme, dafür Zeit, Nerven und handwerkliches Geschick. Sobald du externe Handwerker brauchst, schmilzt der Preisvorteil.
Bei fast jedem, mit dem ich das durchrechne, wird aus „geht nicht“ ein „geht nicht sofort“. Beim einen hörst du auf, dich damit zu beschäftigen. Beim anderen fängst du an zu planen.
Irrtum 3: „Die Rente ist eh weg. Warum also vorsorgen?“
Auch diesen Pessimismus verstehe ich, und ganz unbegründet ist er nicht. Die gesetzliche Rente wird voraussichtlich einen deutlich kleineren Teil unserer Lebenshaltungskosten decken als bei den heutigen Rentnern. Bei der demografischen Entwicklung ist das keine Vermutung.
Wegfallen wird sie trotzdem nicht. Stell dir vor, die Bundesregierung verkündet morgen: Für alle nach 1990 Geborenen gibt es keine gesetzliche Rente mehr. Innerhalb weniger Tage hätten wir französische Verhältnisse auf den Straßen. Dort brennen schon Autos, wenn der Sack Mehl 15 Cent teurer wird. Keine Regierung überlebt das. Das System wird sich verändern, es wird für uns schlechter, die Pläne der Politik reichen bis zur Rente mit 70. Aber es verschwindet nicht.
Vor allem aber hat der Satz einen logischen Bruch. Selbst wenn die Annahme stimmte, wäre die Schlussfolgerung falsch. Weniger gesetzliche Rente ist kein Argument gegen private Vorsorge, sondern das stärkste dafür. Je weniger vom Staat kommt, desto größer ist die Rentenlücke, die du selbst schließen musst.
Ich habe als Berater Menschen kennengelernt, die im Ruhestand am Existenzminimum kratzen und für die eine kaputte Waschmaschine eine Krise ist. Mit 30 reißt du das Ruder noch entspannt herum. Mit 67 nicht mehr.
Irrtum 4: „Ich kaufe einfach den MSCI World. Dann bin ich perfekt aufgestellt.“
Das Positive zuerst: Wer einen Welt-ETF bespart, macht sehr vieles richtig. Breit gestreut, günstig, jedem Sparbuch überlegen. Hier geht es nicht um richtig oder falsch, sondern um gut oder besser.
Das Problem heißt Klumpenrisiko. Ein MSCI World gewichtet die Länder nach dem Börsenwert ihrer Unternehmen, und weil die wertvollsten in den USA sitzen, setzt du rund 70 % deines Geldes auf eine einzige Karte. Wer sich die politische Lage bei unseren Nachbarn im fernen Westen anschaut, darf sich fragen, ob er diese Wette bewusst eingehen will.
Gleichzeitig fehlt der ganze Rest. Schwellenländer kommen im MSCI World gar nicht vor. Also weite Teile Asiens, ganz Afrika, ganz Südamerika. Genau die Regionen, in denen ein Teil des künftigen Wachstums stattfinden dürfte.
Beheben lässt sich das leicht. Die einfachste Variante ist ein ETF auf den MSCI ACWI statt auf den MSCI World. Damit sinkt der US-Anteil spürbar, und die Schwellenländer sind mit einer kleinen Gewichtung dabei.
Anteil am Index
MSCI World
MSCI ACWI
Die zweite Variante ist eine Kombination aus MSCI World oder ACWI und einem eigenen Schwellenländer-ETF, häufig im Verhältnis 80 zu 20. Damit steuerst du die Gewichtung selbst. Beides ist nicht perfekt, aber deutlich robuster als der MSCI World allein.
Weiterlesen10 Dinge, die du vor dem ersten ETF-Kauf wissen musstDie Streuung ist einer der zehn Punkte. Anlagehorizont, Kosten und Replikation sind die anderen.Irrtum 5: „Über Geld spricht man nicht.“
Der leiseste Irrtum. Er kostet dich nicht direkt Geld, er sorgt nur dafür, dass du alles selbst herausfinden musst.
70 % der Deutschen halten Geld für ein Tabuthema, rund 60 % besprechen Anlagestrategie und Schulden nur im eigenen Haushalt. Manch einer redet mit Freunden leichter über sein Liebesleben als über sein Depot.
Dadurch entgeht dir eine der wertvollsten Informationsquellen überhaupt: die Erfahrungen der Menschen um dich herum. Vielleicht hat dein bester Freund vor zwei Jahren genau den Vertrag unterschrieben, über den du gerade nachdenkst, und kann dir in fünf Minuten sagen, was daran teuer war. Vielleicht hat deine Kollegin einen Blickwinkel, der für dich komplett neu ist.
Sprechen heißt nicht, alles blind zu glauben. Nur weil dein Nachbar auf Bitcoin schwört, gehört dort nicht dein Erspartes hin. Es geht nicht darum, Meinungen zu übernehmen, sondern Möglichkeiten auszuloten, von denen du sonst nie erfahren hättest.
Mein Rat: Fang klein an. Wirf beim nächsten Abend mit Freunden eine Frage in den Raum, die dir selbst auf der Seele brennt. Meistens stellt sich heraus, dass viele am Tisch darauf gewartet haben.
Fazit
Alle fünf Sätze sind keine Rechenfehler, sondern Glaubenssätze. Und ein Glaubenssatz fällt dir nie auf, weil er sich richtig anfühlt und weil alle um dich herum ihn genauso wiederholen.
Nimm dir den einen vor, bei dem du dich beim Lesen ertappt hast, und mach heute den ersten Schritt. Richte den Dauerauftrag ein. Führ das eine Gespräch. Schau nach, wie viel USA in deinem Depot steckt.
Und vergiss nicht, womit wir angefangen haben. Unsere Generation legt früher, breiter und günstiger an als jede vor ihr. Es geht nicht darum, von vorn anzufangen. Es geht nur noch um die blinden Flecken.
Aus Wissen wird dein Plan.
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